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Portrait

Mechtild Starke-Kersting, Vorsitzende des Beirats für Inklusion in Iserlohn

Mechtild Starke-Kersting ist eine Frau der klaren Worte. Wenn sie jemand auf der Straße anstarrt und auf ihre kurzen Arme anspricht, hatte sie schon als Kind oft eine schlagfertige Antwort parat. Die heute 64-Jährige sieht sich selbst nicht als behindert an. „Behindert ist man nicht – behindert wird man. Ich habe eine Beeinträchtigung und ich sehe eben anders aus“, lautet ihr pragmatisches Credo. Die Behinderung findet durch die Umgebung statt und daran kann gearbeitet werden. Es ist genau diese Haltung, mit der sie heute als Vorsitzende des Beirats für Inklusion in Iserlohn Barrieren in den Köpfen und im Stadtbild angeht.

Behindert ist man nicht – behindert wird man. Ich habe eine Beeinträchtigung und ich sehe eben anders aus.

Mechtild Starke-Kersting

Eine „völlig normale“ Kindheit im Sauerland

Geboren im Jahr 1962, erlebte Mechtild Starke-Kersting in Arnsberg-Neheim eine glückliche und behütete Kindheit. Ihre Eltern legten Wert darauf, sie so zu erziehen wie jedes andere Kind auch. Zwar besuchte sie früh zur Vorbereitung auf den Alltag einen Sonderkindergarten der AWO in Iserlohn, wechselte danach aber auf Wunsch ihrer Eltern in einen regulären Kindergarten und anschließend auf die örtliche Grundschule. Die pragmatische Haltung des damaligen Direktors deckte sich mit der der Familie Kersting: Wenn sie lernen würde, einen Stift zu halten, sei der Schulbesuch überhaupt kein Problem. Natürlich sei sie damals wie heute angeschaut worden. „Angucken und Anstarren sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich schaue ja auch, wenn mir jemand auffällt“, so Starke-Kersting. 

Die Ursache für ihre verkürzten Arme kannte sie, seit bei ihr „der Verstand einsetzte“. Durch regelmäßige Untersuchungen in Münster und die frühe Aufklärung durch Ärzte wusste die Familie früh, dass das Medikament Contergan der Auslöser war. Ihre Mutter hatte das Präparat eingenommen, als sie selbst noch nicht von ihrer Schwangerschaft wusste.

Vom geplatzten Medizintraum zur Unternehmensführung

Beruflich musste Starke-Kersting jedoch früh Hürden überwinden. Ihr ursprünglicher Traum war es, eine Praxis als Landärztin zu eröffnen. Das Medizinstudium wurde ihr jedoch verwehrt, da sie aufgrund ihrer Arme bestimmte operative Tätigkeiten nicht hätte durchführen können. Ihr Einwand, dass sie keine Chirurgin werden wolle, änderte daran nichts.

Statt zu resignieren, orientierte sie sich um: Sie machte ihr Fachabitur mit dem Schwerpunk Grafik und Gestaltung und absolvierte zusätzlich eine Grafikerinnenausbildung. Dann kam aber wiederum alles anders: Als ihr Vater plötzlich schwer erkrankte, schulte sie zur Industriekauffrau um und stieg in das familiäre Unternehmen in der Leuchtenproduktion ein. Neheim, galt schon damals aufgrund der Dichte an Werkstätten in dieser Branche als „Leuchtenstadt“. Gemeinsam mit ihrer Frau führte sie die Produktion für Lampenschirme später weiter. Letztendlich mussten sie den Betrieb jedoch schließen – einerseits wegen des massiven Preisdrucks aus dem Ausland, andererseits weil sich bei Starke-Kersting zunehmend Contergan-Folgeschäden bemerkbar machten.

Mechtild Starke-Kersting als Sprecherin Beirats für Inklusion auf einer Veranstaltung.
Mechtild Starke-Kersting tritt regelmäßig mit starker Stimme und klaren Worten für Inklusion ein. Das barrierefreie Parktheater Iserlohn zählt heute zu ihren Vorzeigeprojekten.

Aktiv für Inklusion: „Wir sind aus dem Dornröschenschlaf erwacht“

Heute, im Ruhestand, widmet sich Mechtild Starke-Kersting mit voller Energie verschiedenen Ehrenämtern – unter anderem im Beirat für Inklusion der Stadt Iserlohn. Weil sie bei ihrer Bürgermeisterkandidatin das Thema Barrierefreiheit im Wahlprogramm vermisste, suchte sie aktiv das Gespräch. Ihre Initiative überzeugte und so kam sie zum Iserlohner Beirat für Inklusion. 2020 übernahm sie dort den Vorsitz und wurde kürzlich für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt. 

Der Beirat bündelt sehr unterschiedliche Anliegen und vertritt unter anderem die Interessen von blinden und gehörlose Menschen, Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer sowie Menschen mit psychischen Erkrankungen. Starke-Kerstings Arbeit vor Ort zeigt messbare Erfolge. Anfangs sei sie oft „vor Betonwände gelaufen“, doch durch Beharrlichkeit konnte der Beirat viel bewegen.

Eines der größten Vorzeigeprojekte: Das Parktheater Iserlohn, das dank der hervorragenden Zusammenarbeit mit der Theaterleitung heute komplett barrierefrei ist. Auch bei städtischen Baumaßnahmen, wie der Installation von elektrischen Türen und taktilen Leitlinien für blinde Menschen am Bürgerbüro, wird der Beirat mittlerweile proaktiv einbezogen.

Starke-Kersting Engagement endet nicht beim Beirat für Inklusion. Sie ist tief in der lokalen Politik und Gesellschaft verwurzelt, sitzt als Mitglied der CDU-Fraktion in verschiedenen Fachausschüssen und engagiert sich zum Beispiel auch im Netzwerk „gemeinsam und nicht einsam“, das gegen die Vereinsamung von Senioren und alleinstehenden Menschen kämpft. 

Eine klare Forderung: „Nichts über uns ohne uns“

Ihre Erfahrungen aus der Contergan-Historie, die sie selbst als „harte Schule“ bezeichnet, haben ihr ein tiefes Verständnis für Selbstständigkeit, Resilienz und Durchsetzungsvermögen gegeben. Finanziell und strukturell sieht sie Menschen mit Conterganschädigung durch die Rentenanpassungen der letzten Jahre heute gut versorgt. 

Beim gesellschaftlichen Thema Inklusion hat sie jedoch eine klare, zukunftsgerichtete Forderung. Auf Inklusionsmessen ärgert es sie oft, dass fast ausschließlich Menschen ohne Beeinträchtigung darüber sprechen, was beeinträchtigte Menschen angeblich brauchen. „Es kann sich keiner, der nicht im Geringsten irgendetwas hat, in einen Menschen mit Beeinträchtigung reinversetzen“, betont sie deutlich. Für die Zukunft wünscht sie sich daher einen Paradigmenwechsel: Menschen mit Beeinträchtigungen müssen selbstverständlich mit am Tisch sitzen, eigene Positionen vertreten und aktiv in die Gestaltung von Inklusionsangeboten einbezogen werden. 

Mechtild Starke-Kersting geht auf diesem Weg mutig voran – mit Humor, Lebensfreude und dem unbeirrbaren Willen, die Welt für alle Menschen zugänglicher zu machen.