KI-Spracherkennung für gehörlose Menschen
Für gehörlose Menschen mit Conterganschädigung bildet gesprochene Sprache im Alltag immer wieder eine Hürde: ob Telefonat, Beratungsgespräch oder Video im Internet. Technik kann hier vieles erleichtern. Automatische Transkription und Live-Untertitel machen gesprochene Inhalte sichtbar und erleichtern so den Zugang zu Gesprächen und digitalen Angeboten. Auch die Conterganstiftung möchte ihren Beitrag leisten und die Kommunikation mit gehörlosen Menschen weiter ausbauen: Am 7. Oktober 2026 startet ihre digitale Sprechstunde in Gebärdensprache.
Das Thema Hörschädigungen betrifft auch viele Menschen mit Conterganschädigung. Hinzu kommen Betroffene, die erst im Laufe ihres Lebens eine Hörschädigung entwickelt haben.
Bei Menschen mit Conterganschädigung können mehrere Einschränkungen zusammenwirken. Fehlende oder verkürzte Arme und Hände erschweren unter Umständen die Bedienung einer Tastatur oder eines Smartphones.
Deshalb sind Funktionen interessant, die mit möglichst wenigen Bedienhandlungen auskommen und gesprochene Informationen direkt sichtbar machen. Dazu gehört vor allem die automatische Transkription. Sie wandelt gesprochene Sprache mithilfe automatischer Spracherkennung in geschriebenen Text um.
Automatische Transkription im Alltag
KI gestützte Spracherkennung ist inzwischen in vielen digitalen Anwendungen verfügbar. Für gehörlose und schwerhörige Menschen liegt ihr praktischer Nutzen vor allem darin, gesprochene Inhalte unmittelbar als Text lesen zu können. Die Technik wird bereits für Gespräche, Medien, Telefonate und Videokonferenzen eingesetzt.
Gespräch vor Ort: Gesprochenes auf dem Smartphone lesen
Eine typische Situation ist ein persönliches Gespräch. Das Smartphone liegt auf dem Tisch oder wird so positioniert, dass das Mikrofon die sprechende Person gut erfasst. Die automatische Transkription verarbeitet die Sprache und zeigt sie fortlaufend als Text auf dem Bildschirm an. Im Idealfall ermöglicht das Gesprächssituationen, die ohne diese Technologie nur mithilfe eines Gebärdendolmetschers denkbar wären.
Bei neueren iPhones und Android-Geräten steht die Funktion bereits als integrierte Bedienungshilfe zur Verfügung. Auf anderen Android-Geräten hilft die kostenfreie App „Automatische Transkription“ von Google. Die Schriftgröße und weitere Darstellungsoptionen lassen sich teilweise an den persönlichen Bedarf anpassen.
Das ist zum Beispiel bei einer kurzen Auskunft, einem Gespräch im Geschäft oder einer Rückfrage am Empfang hilfreich. Die sprechende Person benötigt dafür keine besondere Technik. Entscheidend ist, dass das Smartphone die Sprache ausreichend deutlich erfasst.
Für Menschen mit Conterganschädigung ist auch die Bedienbarkeit wichtig. Je weniger Eingaben für Start, Stopp und Anpassung nötig sind, desto leichter lässt sich die Funktion bei eingeschränkter Beweglichkeit nutzen.
Telefonieren mit Untertiteln
Auf manchen Smartphones lassen sich Telefonate automatisch untertiteln. Gesprochene Inhalte erscheinen dann während des Anrufs als Text auf dem Display. Bei einigen Geräten ist zusätzlich eine Texteingabe möglich, die dem Gesprächspartner automatisch vorgelesen wird.
Damit lassen sich bestimmte Telefonate ohne vorherige Einschaltung eines Vermittlungsdienstes führen. Das ist vor allem bei kurzen und spontanen Anliegen hilfreich. Auch wenn die Funktionen aktuell noch nicht auf allen Geräten integriert sind: In Zukunft dürften sie die Kommunikation weiter erleichtern. Für gehörlose Menschen mit Conterganschädigung entstehen dadurch unmittelbar Zugang zu Informationen und zusätzliche Möglichkeiten Gespräche selbstständiger zu führen.
Videos und Videokonferenzen: Sprache direkt mitlesen
Automatische Untertitel sind auch bei Videos und Videokonferenzen verbreitet. Bei unterstützten Smartphones lassen sich gesprochene Inhalte aus Videos, Podcasts oder Videoanrufen direkt auf dem Gerät untertiteln.
Auch gängige Videokonferenzsysteme bieten Live-Untertitel. Microsoft Teams und Zoom unterstützen beispielsweise automatische Untertitel für deutschsprachige Gespräche. Die jeweilige Verfügbarkeit hängt allerdings auch hier von der eingesetzten Version, den Einstellungen und teilweise auch vom verwendeten Konto ab.
Wo automatische Untertitel an ihre Grenzen kommen
Automatische Transkription arbeitet nicht fehlerfrei. Die Genauigkeit hängt unter anderem von der Audioqualität, der Lautstärke, Hintergrundgeräuschen, Dialekten und der Aussprache ab. Auch Fachbegriffe werden nicht immer richtig erkannt. Das kann beispielsweise auch medizinische oder sozialrechtliche Begriffe betreffen.
Bei wichtigen medizinischen, rechtlichen oder sozialrechtlichen Gesprächen sollte automatische Transkription – auf dem heutigen Stand – deshalb noch nicht die einzige Kommunikationsform sein.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist eine eigenständige natürliche Sprache mit eigener Grammatik. Für viele gehörlose Menschen hat die Erstsprache einen höheren Stellenwert als das geschriebene Deutsch. Untertitel allein stellen deshalb nicht für alle gehörlosen Menschen einen gleichwertigen Zugang zu Informationen her. Die Bundesfachstelle Barrierefreiheit weist ausdrücklich darauf hin, dass Gebärdensprache für die barrierefreie Kommunikation eine eigenständige Bedeutung hat.
Austausch mit gehörlosen Menschen mit Conterganschädigung
Die Conterganstiftung beschäftigt sich auch mit der Frage, wie ihre eigenen Informationen und Angebote für gehörlose Menschen besser zugänglich werden.
Am 4. März 2026 empfing der Vorstand deswegen einen Vertreter der gehörlosen Menschen mit Conterganschädigung zu einem Gespräch in der Geschäftsstelle. Gemeinsam entwickelten sie konkrete Anforderungen an die Kommunikation der Stiftung: Vereinbart wurde unter anderem, die Informationsflyer der multidisziplinären medizinischen Kompetenzzentren in Einfache Sprache zu übertragen und um Informationen zu ergänzen, die für Menschen mit Hörschädigung wichtig sind. Außerdem sollen regelmäßige Gesprächsrunden für Menschen mit Hörschädigung in einem digitalen Format angeboten werden. Der erste Austausch dieser Reihe findet bereits im Oktober statt.
Digitale Sprechstunde in Gebärdensprache startet am 7. Oktober
Am Mittwoch, 7. Oktober 2026, bietet die Conterganstiftung erstmals eine digitale Sprechstunde für gehörlose Menschen mit Conterganschädigung an. Die Beratung findet von 10:00 bis 12:00 Uhr per Videokonferenz statt. Jedes Beratungsgespräch dauert 30 Minuten. Eine Gebärdensprachdolmetscherin oder ein Gebärdensprachdolmetscher begleitet das Gespräch. Die Conterganstiftung übernimmt die Kosten. Das Angebot soll einmal pro Quartal stattfinden.
Im Mittelpunkt stehen die Fragen der Betroffenen zu Conterganrente und weiteren Leistungen der Stiftung, Sozialleistungen, Heilmittel, Hilfsmittel, Rehabilitation sowie die Auswahl der passenden medizinischen Einrichtungen.