Arthrose – was nun?
Verfasst von: Contergan Kompetenzzentrum am Krankenhaus Rummelsberg – Dr. med. univ. Thomas Schlemmer, 22.09.2026
Unter Arthrose versteht man eine Degeneration eines Gelenkes, die mit Verlust des Gelenkknorpels einhergeht, welcher normalerweise als Stoßdämpfer zwischen den Gelenkflächen wirkt. Die Entwicklung einer Arthrose ist ein normaler Vorgang im Lauf des Alterns, unter bestimmten Bedingungen kann diese Gelenkabnutzung allerdings früher als gewöhnlich auftreten. So kann zum Beispiel Übergewicht, aber auch eine exzessive Verwendung eines Gelenkes zu einer vorzeitigen Abnutzung führen. Ebenso kann dies durch ein Trauma mit Verletzung der Gelenkfläche verursacht werden. Relevant ist auch eine Verwendung eines Gelenkes in Art und Ausmaß für welche das Gelenk anatomisch nicht ausgelegt ist.
Patientinnen und Patienten mit Conterganschäden sind oft darauf angewiesen, die fehlende Funktion betroffener Extremitäten mit übermäßiger Verwendung intakter Extremitäten zu kompensieren. Das kann, muss aber nicht, zu einer vorzeitigen Arthrose in den betroffenen Gelenken führen.
Die Folge einer Arthrose sind zu Beginn Schmerzen, typischerweise ein Anlaufschmerz zum Beispiel am Morgen nach dem Aufstehen aus dem Bett oder nach längerem Sitzen. Zudem kommt es zu einer Reizung der Synovia, welche zu einer Schwellung des Gelenkes führen kann. Mit Fortschreiten der Abnutzung kommt es zu einer zunehmenden Bewegungseinschränkung des betroffenen Gelenkes, da der Körper versucht mit knöchernen Anbauten am Gelenkrand die Gelenkfläche zu vergrößern, um den im Gelenk entstehenden Druck auf eine größere Fläche zu verteilen und die geschädigten Anteile zu entlasten. Die Schmerzen in Verbindung mit einer Bewegungseinschränkung führen schlussendlich zu einer Einschränkung im Alltag. 70-80% der über 70-Jährigen zeigen Zeichen einer Gelenksdegeneration, davon sind ungefähr 10-30% symptomatisch. Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch auch, dass bei weitem nicht alle Patienten die im Röntgenbild eine Arthrose zeigen auch Symptome haben (1).
Diagnostik
Bei Verdacht auf eine Arthrose empfiehlt es sich ein Röntgenbild des betroffenen Gelenkes anzufertigen, einerseits um die Verdachtsdiagnose zu bestätigen, andererseits um eventuelle andere Ursachen für die Beschwerden ausfindig zu machen. Eine weiterführende Diagnostik zum Beispiel mittels MRT ist sinnvoll, wenn in der klinischen Untersuchung der Verdacht auf eine Schädigung der Weichteile, zum Beispiel eines Meniskus im Kniegelenk besteht oder eine genaue Beurteilung der Knorpeloberfläche erfolgen soll.
Konservative Behandlungsmöglichkeiten
Bevor eine operative Therapie angedacht wird, sollten alle konservativen Maßnahmen ausgeschöpft werden. Dazu zählt insbesondere Physiotherapie, um die das betroffene Gelenk umgreifende Muskulatur zu kräftigen. Je besser ein Gelenk muskulär stabilisiert ist desto geringer sind die Beschwerden, wenn eine Arthrose vorliegt. Wichtig ist, die im Rahmen der Physiotherapie erlernten Übungen auch zuhause täglich durchzuführen, um einen Erfolg zu erzielen. Zyklische Bewegungen mit hoher Frequenz und niedriger Belastung, ohne Stoß- und Stauchbelastungen, wie beispielsweise Fahrrad fahren, Schwimmen oder Wandern, sind für arthrotische Gelenke gut geeignete Sportarten.
Der Gelenkknorpel wird durch Diffusion versorgt, zyklische Bewegungen mit wechselnder Belastung und Entlastung sind somit notwendig, um den Gelenkknorpel suffizient zu ernähren. Moderate Bewegung scheint also einen positiven Effekt auf die Entwicklung einer Arthrose zu haben, während exzessive Belastung eher mit einem erhöhten Risiko einhergeht eine Arthrose zu entwickeln (2). Hochleistungssportler jedoch zeigen vermehrt degenerative Veränderungen in Röntgenbildern, scheinen aber dennoch weniger Beschwerden im Alltag zu haben als inaktive Menschen mit vergleichbaren Veränderungen, was auf einen Benefit einer muskulären Stabilisierung der Gelenke hinweist (3,4).
Auch wenn es im Alltag manchmal schwerfällt: auch ein reduziertes Körpergewicht hat einen positiven Effekt auf Beschwerden bei Vorliegen einer Arthrose. Diätetische Maßnahmen bei Übergewicht in Verbindung mit regelmäßiger Bewegung sollten Teil jeder Therapie bei Arthrose sein.
Medikamentöse Therapie: orale und lokale Applikation:
Gelegentlich sind die Schmerzen so ausgeprägt, dass eine physiotherapeutische und selbstständige Beübung nicht konsequent durchgeführt werden kann. In diesem Fall empfiehlt sich eine Therapie mit Schmerzmedikamenten, sei es in Tablettenform oder bei oberflächlichen Gelenken wie beispielsweise Kniegelenk, Handgelenk, Ellbogen und Fingergelenke in Form von schmerzlindernden Salben oder Gelen. Insbesondere Schmerzmedikamente aus der Gruppe der nicht steroidalen Antiphlogistika (NSAR) haben sich aufgrund ihrer entzündungshemmenden Wirkung bewährt, sollten aber aufgrund der möglichen Nebenwirkungen vor allem auf die Magenschleimhaut und Nierenfunktion nicht dauerhaft eingenommen werden.
Infiltration: Hyaluron und Eigenblut – alles wird gut?
Infiltrationen in Gelenke werden bei Arthrose schon seit vielen Jahren durchgeführt. Klassisch wird Kortison, gelegentlich in Verbindung mit einem lokalen Betäubungsmedikament, mittels Injektion in das betroffene Gelenk eingebracht. Meist führt das zu einer Reduktion der Beschwerden. Das Kortison hat eine lokale entzündungshemmende Wirkung, die Gelenkschleimhaut wird beruhigt und eine Therapie wird somit einfacher möglich. Die Wirkdauer ist sehr individuell, kann von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten anhalten. Problematisch ist jedoch, dass eine oft-malige Wiederholung der Infiltration einen Schaden am Gelenkknorpel verursachen kann.
Neuere Methoden wurden in den letzten Jahren zunehmend verwendet, insbesondere die Infiltration mit Hyaluronsäure und Eigenblut (Platelet rich plasma, PRP).
Hyaluronsäure ist ein Bestandteil des Bindegewebes unseres Körpers, dessen wichtigste Eigenschaft die Bindung von Wasser ist. Hyaluronsäure kommt auch in der Gelenkflüssigkeit vor und sorgt dort dafür, dass Wasser im Gelenk gebunden ist und unter Druck, also bei Belastung des Gelenkes, nicht aus dem Gelenk gepresst wird. Es wirkt somit als Schmierstoff und Stoßdämpfer in unseren Gelenken, aber auch zum Beispiel in den Bandscheiben der Wirbelsäule. Die Infiltration von Hyaluronsäure in ein arthrotisches Gelenk soll also die Gleitfähigkeit und Stoßdämpfung im Gelenk verbessern.
Über den Effekt der Hyaluronsäure gibt es mittlerweile zahlreiche Studien, ein eindeutiger Effekt konnte aber bisher im Vergleich zur sogenannten „Scheinbehandlung“, also der Injektion von Wasser, am Hüftgelenk nicht gefunden werden. Am Kniegelenk scheint es einen geringen Benefit zu geben. Es wird propagiert, dass zumindest drei bis fünf Anwendungen gemacht werden müssen, um einen Effekt zu erzielen. Die deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie gibt aktuell in der S3- Leitlinie Gonarthrose, aufgrund widersprüchlicher Evidenz in den bisher durchgeführten Studien, keine Empfehlung für oder gegen die Verwendung von Hyaluronsäure ab.
Ein anderer Versuch ein arthrotisches Gelenk wieder funktionsfähiger zu machen, ist die Infiltration mit Eigenblut. Dabei wird Blut abgenommen und in einer Zentrifuge verarbeitet, um potentiell entzündungshemmende Stoffe (Wachstumsfaktoren, Zytokine) zu gewinnen. Diese werden dann in das betroffene Gelenk injiziert.
Mittlerweile sind mehr als 30 verschiedene Systeme auf dem Markt, um das Platelet rich plasma zu gewinnen. Die Zusammensetzung der injizierten Flüssigkeit ist je nach System unterschiedlich, was eine Vergleichbarkeit in Studien erschwert. Zudem ist die Biologie jedes Menschen unterschiedlich, die Zusammensetzung des PRP hängt somit auch von patienteneigenen Faktoren ab, die nicht beeinflusst werden können. Wie bei der Hyaluronsäure gibt es aktuell keine klare wissenschaftliche Evidenz für oder gegen den Nutzen von PRP bei Arthrose. In den deutschen Leitlinien zu Gonarthrose wird PRP als Option erwähnt, wenn andere schmerzlindernde Maßnahmen nicht wirksam oder kontraindiziert sind. Auch hier scheinen wiederholte Injektionen einen besseren Ef-fekt zu bringen als singuläre, mehr als drei Injektionen scheinen aber keinen weiteren Erfolg zu haben (5). Bei Arthrose des Kniegelenkes schien PRP besser als bei der Hüfte zu funktionieren (6,7).
Weder die Kosten für die Hyaluronsäureinfiltration noch für die Behandlung mit PRP werden aktuell von den Krankenkassen übernommen.
Operative Behandlungsmöglichkeiten
Wenn mit konservativen Maßnahmen keine zufriedenstellende Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung erreicht werden kann, sollte ein operatives Vorgehen diskutiert werden.
Arthroskopie:
Arthroskopische Operationen gelten als minimalinvasiv und lassen in der Regel eine rasche Remobilisation zu. Eine Arthroskopie macht Sinn bei mäßig ausgeprägter Arthrose und Verdacht auf weichteilige Schäden im Kniegelenk, wie zum Beispiel einem Meniskusriss. Zusätzlich können entzündete Anteile der Gelenkschleimhaut entfernt werden und Knorpelunregelmäßigkeiten bedingt geglättet werden. Damit kann meist zumindest vorübergehend eine Schmerzlinderung erreicht werden und Zeit gewonnen werden bis ein Gelenkersatz notwendig wird. Schulter- und Kniegelenk sind für diese Methode besser geeignet als das Hüftgelenk.
In Studien zeigten sich jedoch langfristig keine Vorteile einer Arthroskopie gegenüber konservativen Therapiemethoden (8). Aus eigener Erfahrung profitieren Patientinnen und Patienten mit Conterganschäden aber durchaus von einer therapeutischen Kniegelenksarthroskopie bei Vorliegen entsprechender Gelenkschäden mit korrespondierender Symptomatik. Bei Conterganpatientinnen und –patienten ist eine Menis-kusnaht aufgrund schlechterer Heilungsrate bei zunehmendem Alter meist nicht mehr Erfolg versprechend.
Das ist einerseits bedauerlich, da ein erhaltener funktionaler Meniskus zum Funktionserhalt des Kniegelenkes anzustreben ist, hat andererseits jedoch den Vorteil einer postoperativen Vollbelastung, da nach einer Meniskusresektion im Gegensatz zur Naht keine Teilbelastung eingehalten werden muss. Insbesondere bei Dysmelie der oberen Extremitäten und nicht möglicher Stockentlastung ist eine mögliche Vollbelastung wünschenswert.
Umstellungsosteotomie:
Unter einer Umstellungsosteotomie versteht man das Durchtrennen eines Knochens, um ihn dann in biomechanisch günstigerer Position wieder zu fixieren. Diese Methode wird vor allem bei Arthrose des Kniegelenkes bei ausgeprägten Genua vara (O-Bein) oder Genua valga (X-Bein) angewandt. Bei einem O-Bein wird der innere Gelenksanteil mehr belastet, bei einem X-Bein der äußere Anteil, was zu einer erhöhten Belastung im betroffenen Gelenkanteil führt und somit eine vorzeitige Arthrose begünstigt. Ziel der Umstellungsosteotomie ist es, eine gerade Beinachse zu schaffen und somit den arthrotischen Gelenksanteil zu entlasten. Das macht natürlich nur Sinn, wenn nicht alle Gelenksanteile abgenutzt sind. Vorteil dieser Methode ist auch, dass ein Hinauszö-gern einer prothetischen Versorgung erreicht werden kann.
Als Nachteil ist die Notwendigkeit der zumindest teilweisen Entlastung des operierten Beines für mehrere Wochen nach der Operation zu nennen, was bei Betroffenheit der Arme eine besondere Herausforderung darstellt. Bei Dysmelie der oberen Extremität sollte diese Option also gut abgewogen werden und die Nachbehandlung inklusive Pflege zuhause bereits präoperativ organisiert werden. Spezielle Gehwägen mit Entlastungsmöglichkeit stehen zur Verfügung, um die Mobilität postoperativ zu vereinfachen. Eine eigenständige Versorgung zuhause kann damit jedoch auch nicht erreicht werden, da in der Regel Hilfe notwendig ist, um die Patienten im Gehwagen zu platzieren.
Endoprothese:
Ein künstlicher Gelenkersatz sollte immer die letzte Option sein, wenn andere Therapieoptionen nicht mehr erfolgversprechend sind. Dabei wird das eigene, abgenutzte Gelenk entfernt und durch ein künstliches Gelenk ersetzt.
Ausschlaggebend für die Entscheidung zum endoprothetischen Gelenksersatz ist die subjektive Beschwerdehaftigkeit, nicht das Ausmaß der Arthrose im Röntgenbild, da das Röntgenbild nicht zwingend mit den Beschwerden korreliert (3,4).
Ein Gelenkersatz ist mittlerweile für fast alle Gelenke möglich, hauptsächlich werden aber Hüftgelenke, Kniegelenke und Schultergelenke mit künstlichen Gelenken vollständig oder teilweise ersetzt.
Oftmals wird von Patientinnen und Patienten mit vor allem Betroffenheit der oberen Extremitäten die Befürchtung geäußert, nach einem Gelenksersatz, insbesondere an der Hüfte, den Alltag nicht mehr meistern zu können, da sie im besonderen Maß auf eine ausreichende Beweglichkeit der Hüftgelenke angewiesen sind. Auch die Befürchtung der Gelenksluxation wird geäußert. Dies sind nachvollziehbare Sorgen, allerdings ist der Bewegungsumfang von arthrotischen Gelenken mit zunehmender Abnutzung geringer, sodass auch die gewohnten Tätigkeiten nicht oder nur mehr eingeschränkt durchgeführt werden können. In diesem Fall ist ein endoprothetischer Ersatz sinnvoll, da der Nutzen das Risiko überwiegt.
Es gibt mittlerweile eine Vielzahl an endoprothetischen Standardmodellen, die speziell darauf ausgelegt sind das Luxationsrisiko zu vermindern. Auf Null reduzieren, lässt sich das Risiko aber auch mit modernen Implantaten nicht.
Bei Patientinnen und Patienten mit Conterganschäden können Gelenke auch dysplastisch angelegt sein. Die meisten Situationen können Dank der angebotenen Vielzahl an Prothesenmodellen mit Standardprothesen versorgt werden. In Ausnahmefällen kann es aber sein, dass keine passende Prothese vorhanden ist. Für diese Fälle gibt es Firmen die nach einem durchgeführten Computertomogramm eine einmalige, individuelle Prothese herstellen. Das klingt erstmal gut, aber auch diese Hersteller sind zum Beispiel an Materialfestigkeit gebunden. Eine Hüftprothese kann also zum Beispiel am Schaft nicht unendlich dünn gestaltet sein, da sie ansonsten den Alltagsbelastungen nicht gewachsen wäre und brechen könnte.
Zusammenfassung
Die Entwicklung einer Arthrose kann zu erheblichen Einschränkungen im Alltag führen. Es liegen einige Optionen zur konservativen Therapie vor, diese sollten früh begonnen werden, um die Mobilität und die gelenksumgreifende Muskulatur zu erhalten. Infiltrationen in betroffene Gelenke sind möglich, die Wirkung ist aber noch nicht abschließend wissenschaftlich geklärt. Das operative Spektrum beinhaltet sowohl gelenkserhaltende Operationen als auch Ersatzoperationen. Diese sollten hinsichtlich Risiko und Nutzen gut abgewogen werden und bei nicht mehr ausreichender Schmerzlinderung durch konservative Maßnahmen zum Einsatz kommen.
Literatur
1) Nehrer S, Neubauer M, Stotter C. Osteoarthritis and/or Sports. Dtsch Z Sportmed. 2019; 70:169-174
2) Bosomworth NJ. Exercise and knee osteoarthritis: Benefit or hazard? Can Fam Physician.2009; 55: 871-878.
3) Schäfer M, Dreinhöfer K. Sports and osteoarthrosis. Z Rheumatol. 2009; 68: 804-810.doi:10.1007/s00393-009-0552-1
4) Schlemmer T, Sports and Osteoarthritis, 2016 in book: Foot and ankle Sports Orthopaedics(pp 89-95)
5) Zhuang W et al.: The varying clinical effectiveness of single, three and five intraarticular injec-tions of platelet-rich plasma in knee osteoarthritis. J Orthop Surg Res 8. Mai 2024; 19 (1): 284.DOI: 10.1186/s13018–024–04736–6
6) Journal of the AAOS 2024; DOI: 10.5435/JAAOS-D-23–00957.
7) Laver L, Filardo G, Sanchez M, et al.: The use of injectable orthobiologics for knee osteoarth-ritis: A European ESSKA-ORBIT consensus. Part 1—Blood-derived products (platelet-richplasma). Knee Surg Sports Traumatol Arthrosc April 2024; 32 (4): 783–97. DOI:10.1002/ksa.12077. Epub 2024.
8) Saeed, K., Khan, S.A., Aghmed, I. Efficacy of intra articular hyaluronic acid versus arthroscopicdebridement in terms of improvement in pain score in Kellgren-Lawrence Grading II & III os-teoarthritis of knee joint. Pakistan Journal of Medical and Health Sciences. 2015;3.