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Sturz- und Verletzungsrisiko bei Contergangeschädigten

Verfasst von: Contergansprechstunde der Schön Klinik Hamburg – Dr. med. Rudolf Beyer, 16. Juni 2026

Kurzfassung

Menschen mit Conterganschäden stürzen häufiger und verletzen sich dabei öfter als gleichaltrige Personen ohne diese Schädigung. Besonders betroffen sind Personen mit Fehlbildungen sowohl der oberen als auch der unteren Extremitäten – vor allem, wenn zusätzlich Sinnesorgane (Hören, Sehen, Gleichgewicht) beeinträchtigt sind. Viele Betroffene berichten über Schwindel, Gangunsicherheit und nachlassende Muskelkraft in den Beinen.

Für die Praxis heißt das: Risiken systematisch erfassen, Gleichgewicht gezielt trainieren, Seh- und Hörhilfen konsequent anpassen, Knochengesundheit prüfen und die Wohnumgebung sicher gestalten.

Hintergrund: Warum dieses Thema wichtig ist

Stürze im mittleren und höheren Lebensalter haben oft weitreichende Folgen. Von Prellungen über Knochenbrüche bis hin zu Angst vor erneuten Stürzen und einem Verlust an Selbstständigkeit.
Menschen mit Conterganschäden sind heute meist zwischen Anfang und Ende 60 und befinden sich damit in einer Lebensphase, in der das Sturzrisiko ohnehin steigt. 

Viele Betroffene haben Fehlbildungen der Arme, manche zusätzlich der Beine oder Sinnesorgane (Sehen, Hören, Gleichgewicht). Bei einem größeren Teil besteht zudem eine angeborene Hüftdysplasie, die im Erwachsenenalter zu frühzeitigem Gelenkverschleiß und Instabilität beim Gehen oder Stehen führen kann.

Der Alltag dieser Gruppe ist durch jahrzehntelangen körperlichen Ausgleich geprägt – also durch eine ständige Überbeanspruchung des Bewegungsapparates. Das führte bei vielen zu erhöhtem Verschleiß, Schmerzen und Kraftminderung.

Erfahrungen aus der Contergansprechstunde Hamburg und anderen Kliniken legten nahe, dass Sturzereignisse bei Contergangeschädigten häufiger zu ungewöhnlichen Verletzungsmustern führen. Zudem stellt die Behandlung durch veränderte anatomische Gegebenheiten besondere Herausforderungen an unfallchirurgische Ärzte.

Vor diesem Hintergrund wurde untersucht, wie häufig Stürze und Verletzungen tatsächlich vorkommen und welche Faktoren das Risiko erhöhen.

Ziel der Befragung: Zwei Fragen standen im Mittelpunkt

1. Treten Stürze bei Menschen mit Conterganschäden häufiger auf als bei gleichaltrigen Nicht-Betroffenen?
2. Führen diese Stürze öfter zu Verletzungen, insbesondere zu Knochenbrüchen?

Obwohl diese Fragen naheliegend erscheinen, gab es bisher keine einzige wissenschaftliche Untersuchung dazu. Aus den Ergebnissen sollten zudem konkrete Empfehlungen zur Sturzprävention abgeleitet werden – nutzbar für Ärztinnen und Ärzte, Pflege, Physiotherapie und Betroffene selbst.

Wie wurde untersucht?

Zwischen Mai 2020 und Januar 2021 nahmen zwei Gruppen an einer Online-Befragung teil:

  • 206 Personen mit Conterganschaden (TE-Gruppe, Thalidomid-Embryopathie).
  • 183 etwa gleichaltrige Personen ohne Conterganschaden (Kontrollgruppe).

Erfasst wurden Fehlbildungen, Sinnesfunktionen (Sehen, Hören, Gleichgewicht), Schmerz und Kraft, Mobilität, Stürze der letzten fünf Jahre sowie Verletzungen. Die Geh- und Alltagsfunktionen der Beine wurden mit einem speziellen Fragebogen erfasst, dem sogenannten Lower Extremity Functional Scale (LEFS). Dieser Fragebogen bewertete alltagsrelevante Aktivitäten auf einer Punkteskala. Je höher der Punktwert, desto besser die Funktion wobei maximal 80 Punkte (jung, gesund, sportlich) erreicht werden können.

Alle Ergebnisse wurden statistisch geprüft, um zu klären, ob Unterschiede tatsächlich eindeutig oder doch zufällig waren.

Wer hat teilgenommen?

Teilnehmende beider Gruppen waren zum Zeitpunkt der Befragung im Durchschnitt etwa 58 Jahre alt. In der Kontrollgruppe waren mit 69,4 % etwas mehr Frauen vertreten, der Unterschied war aber nicht statistisch signifikant. In der TE-Gruppe hatten fast alle Teilnehmenden eine anerkannte Schwerbehinderung. In dieser Gruppe wurden Beeinträchtigungen des Hörens, Sehens und des Gleichgewichtssinns deutlich häufiger angegeben als in der Kontrollgruppe. 

Auch Verschleißerscheinungen wie Hüft-, Knie-, Hand- und Schulterarthrose, chronische Muskelschmerzen und Muskelschwäche wurden von Betroffenen der TE-Gruppe wesentlich häufiger berichtet.

Deutliche Gruppenunterschiede zum Nachteil der Contergangeschädigten zeigten sich bei folgenden Beeinträchtigungen:

  • Gleichgewicht und Schwindel
  • Sehen und Hören
  • Nachlassende Kraft der Hände und Beine, sowie Gangunsicherheit
  • Arthrose und Osteoporose
  • Regelmäßige Einnahme von Schmerzmitteln

FunktionseinschränkungenCont.Kontrolle
Gleichgewichtsorgan geschädigt15,5 %1,1 %
Starke Fehlsichtigkeit (auch mit Brille)12,1 %1,6 %
Arthrose der Hüftgelenke32,0 %4,9 %
Ich habe Osteoporose9,2 %1,6 %

Zur genaueren Unterscheidung wurden innerhalb der TE-Gruppe weitere Untergruppen (Subgruppen) gebildet. Das waren Personen mit Fehlbildungen nur der Arme, Personen mit zusätzlichen Beeinträchtigungen der Sinnesorgane, Personen mit Fehlbildungen auch der Beine sowie Betroffene mit angeborenem Hüftschaden. Eine Person konnte mehreren Untergruppen angehören.

Diese Untergruppen sollten helfen, besser zu erkennen, wer besonders gefährdet ist. Zum Beispiel Menschen mit Fehlbildungen sowohl an Armen und Beinen oder mit zusätzlichen Einschränkungen von Hören, Sehen oder Gleichgewicht.

Angaben zu MedikamentenCont.Kontrolle
Schmerzmittel (Ibuprofen, Diclofenac, Novalgin)34,5 %10,9 %
Opioide (Tramal, Tilidin, Morphin, Oxycodon)6,3 %0,0 %
Antidepressiva6,3 %1,1 %
Cannabis (Dronabinol, Marinol)1,9 %0,5 %

Ergebnisse Teil 1: Alltagsfunktion der Beine (LEFS)

Die TE-Gruppe erreichte im Mittel einen LEFS-Wert 42,6 während die Kontrollgruppe einem Mittelwert von 68,5 erreichte (was in der Altersgruppe normal ist).

Das bedeutet: Alltagsaktivitäten, die die Beine betreffen, fallen Betroffenen merklich schwerer. Dabei ist eine eingeschränkte Beinfunktion kein Nebenaspekt, sondern ein zentrales Puzzlestück bei der Bewertung des Sturzrisikos. Sie hängt zusammen mit Kraft, Balance und sicherem Gehen.

Lower Extrimity Functional Scale (LEFS)

Contergangeschädigte42,6
Vierfach Geschädigte29,8
Angeborener Hüftschaden36,3
Kontrollgruppe68,5

Ergebnisse Teil 2: Sturzhäufigkeit

In der TE-Gruppe berichteten 11,7% der Teilnehmenden über mehr als 5 Stürze in den letzten 5 Jahren, 8,3% über mehr als 10. In der Kontrollgruppe waren es nur 2,5% bzw. 0,6%.
Die höchsten Risiken fanden sich bei:

  • Vierfachgeschädigten mit Fehlbildungen an Armen und Beinen (23,7%)
  • Personen mit zusätzlichen Sinnesbeeinträchtigungen (22,2%)

Beide Gruppen berichteten deutlich häufiger über Stürze.

Ergebnisse Teil 3: Verletzungen und Knochenbrüche

Stürze führten in der TE-Gruppe häufiger zu Prellungen, Platzwunden und Knochenbrüchen. Sturzbedingte Knochenbrüche gaben 18,4% der TE-Gruppe und 10,4% der Kontrollgruppe an. Bei den Vierfachgeschädigten lag der Anteil bei 21,1%, bei den Vierfachgeschädigten mit zusätzlichen Sinnesbeeinträchtigungen sogar bei 33,3%.

Warum ist das wichtig?
Knochenbrüche bedeuten Immobilisation, Schmerz, OP-Risiken und können den Teufelskreis aus Unsicherheit, Bewegungsmangel und weiterem Muskelabbau verstärken.


Ein zentraler Zusammenhang: Funktion ↔ Sturz
Je schlechter die Beinfunktion (niedriger LEFS-Wert), desto häufiger treten Stürze auf. Dieser Zusammenhang war in der TE-Gruppe deutlich stärker ausgeprägt als in der Kontrollgruppe.
Auch eine kurze Armreichweite und eingeschränkte Handfunktion erhöhen das Sturzrisiko, weil man sich schlechter festhalten oder abfangen kann.

Prävention: Was hilft wirklich?

Viele Betroffene erhalten regelmäßig Physiotherapie oder nehmen an Rehabilitationsmaßnahmen teil. Ein klarer Schutzeffekt ließ sich jedoch nicht nachweisen. Wahrscheinlich liegt das daran, dass vor allem schwerer Betroffene diese Angebote nutzen.
Zudem wurde nicht unterschieden, ob aktive Trainingsformen (z. B. Muskel- oder Gleichgewichtstraining) durchgeführt wurden – gerade diese sind besonders wirksam gegen Stürze.

Was lässt sich aus den Ergebnissen für die Praxis ableiten?

  1. Gezielte Balance- und Gangprogramme statt „Physiotherapie von der Stange“: Übungen, die Gleichgewicht, Reaktionsfähigkeit, Schritt- und Drehkontrolle trainieren, wirken typischerweise stärker sturzreduzierend.
  2. Kraft der unteren Extremitäten aufbauen (Beinstrecker, Hüftabduktoren, Fuß-/Sprunggelenk). Kurze, regelmäßige Einheiten sind wirksamer als seltene „Marathonsitzungen“. Deshalb ist Anleitung zu täglichen Eigenübungen so wichtig.
  3. Sinnesorgane optimieren: aktuelle Brillen, konsequenter Einsatz passender Hörgeräte, Abklärung von Gleichgewichtsproblemen.
  4. Medikamente prüfen: beruhigende, schlaffördernde oder angstlösende Präparate sowie starke Schmerzmittel können Gleichgewicht, Reaktion und Aufmerksamkeit beeinträchtigen.
  5. Knochengesundheit: Vitamin-D-Status prüfen, Knochendichte (DXA) bei Risikokonstellation; ggf. osteologische Mitbetreuung.
  6. Umfeld sicher gestalten: Stolperfallen beseitigen, gute Beleuchtung, Haltegriffe, rutschfeste Matten, geeignete Schuhe, ggf. Geh-/Stehhilfen.
  7. Selbstwirksamkeit stärken: Sturzangst aktiv adressieren, alltagsnahe Trainings, Verhalten in kritischen Situationen üben.

Empfehlungen für die Versorgung – nach Zielgruppen

Ärztinnen und Ärzte

  • Sturzrisiko systematisch erfassen: Anamnese (Stürze, Schwindel, Gangunsicherheit), Kurztests (z. B. Timed Up & Go), LEFS als Verlaufsmesser.
  • Komorbiditäten im Blick: Hüft-/Kniearthrose, Osteoporose, Polyneuropathie, Seh-/Hörstörungen, Gleichgewichtssinn.
  • Medikationscheck mit Blick auf sedierende und blutdrucksenkende Effekte.
  • Knochendichte/Vitamin D prüfen; bei erhöhtem Frakturrisiko osteologisch mitbetreuen.
  • Überweisungen zielgerichtet: spezialisierte Physio (Balance/Kraft), Hör-/Sehzentrum, Vestibularsprechstunde, Schmerz- und Osteologie-Ambulanz.
     

Für Pflegefachpersonen

  • Alltagsbeobachtung: Aufstehen, Wenden, Drehen, Gangbild, Angstzeichen.
  • Umfeldanpassung: Licht, Ordnung, rutschfeste Wege, Hilfsmittel bereitstellen.
  • Übungsalltag unterstützen: kurze, regelmäßige Einheiten begleiten; an Hilfsmittel erinnern.
  • Sturzprotokolle führen und Auslöser identifizieren (Uhrzeit, Situation, Schuhe, Boden, Müdigkeit).
     

Für Physiotherapeutinnen und -therapeuten

  • Testbatterie: Timed Up & Go, 30-Sekunden-Chair-Stand, Tandem-Stand/Gang, Step-Tests; LEFS zur Selbsteinschätzung.
  • Interventionen: evidenznahe Balance-Programme (z. B. progressives Steh-/Gehtraining mit Reizwechsel), Krafttraining der unteren Extremität, reaktives Gleichgewicht. Anleitung für Eigenübungen
  • Sinnesintegration: Training unter variierenden visuellen/vestibulären Bedingungen, dual-task-Elemente.
  • Transfer in den Alltag: Treppen, Bordsteine, Drehen, Tragen, enge Räume; Sturzstrategien und Aufstehen nach einem Sturz üben.
     

Für Betroffene und Angehörige

  • Regelmäßig bewegen: lieber täglich kurz als selten lang – Gleichgewicht und Kraft lassen sich trainieren.
  • Sinneshilfen konsequent nutzen: Brille, Hörgerät, bei Bedarf Abklärung des Gleichgewichts.
  • Wohnumfeld entschärfen: Teppichkanten, Kabel, schlechte Beleuchtung, glatte Böden.
  • Sicherer Schuh: fester Halt, rutschhemmende Sohle, passender Absatz.
  • Nach einem Sturz: Ursache analysieren und Maßnahmen anpassen – nicht „einfach weitermachen“.

Grenzen der Studie

Die Daten stammen aus einer Online-Befragung und beruhen auf Selbstauskünften. Solche Angaben lassen sich nicht in jedem Detail überprüfen. Außerdem beantworteten nicht alle Teilnehmenden jede Frage; und es ist möglich, dass sich vor allem Personen mit größerem Leidensdruck beteiligten. Diese Punkte können die Übertragbarkeit einschränken. Dennoch zeichnen die Ergebnisse ein konsistentes Bild: Betroffene stürzen häufiger, und Risikofaktoren (Funktion, Sinne, Schmerz, Arthrose) häufen sich in dieser Gruppe.

Fazit

Menschen mit Conterganschäden haben ein erhöhtes Sturz- und Frakturrisiko. Besonders gefährdet sind Personen mit Fehlbildungen an Armen und Beinen sowie mit zusätzlichen Einschränkungen von Sehen, Hören oder Gleichgewicht. Für die Praxis bedeutet das: Risiko systematisch erfassen, gezielt behandeln und Umfeld sowie Knochengesundheit mitdenken.