Das Foto zeigt Catia Monser bei der Übergabe eines Exponats

Archivarin für das kollektive Gedächtnis

Eine Kinderarmprothese, Ordner voller Akten, Fotos und sogar die Diplomarbeit und ein eigenes Buch zum Thema Contergan und Thalidomid – mit ihrer privaten Sammlung hat Catia Monser den größten Medizinskandal Deutschlands für die Nachwelt archiviert. Nun übergab sie die vielen Artefakte, stummen Zeitzeugen und persönlichen Erinnerungen an die Stiftung Haus der Geschichte NRW für eine eigene Ausstellung. Zurzeit sind drei Ausstellungsstücke noch ein Teil von „MuseumMobil“. Die komplette Sammlung soll später einen eigenen festen Raum erhalten.  

           

Vom privaten Museum ins Haus der Geschichte

Ursprünglich sollte es mal ein eigenes, kleines Contergan-Museum werden. Doch aus dem Plan wurde nichts. „Ich hatte diesen Raum zuhause, voll mit all den Sachen und Erinnerungen. Die wollte ich für die Öffentlichkeit und Nachwelt zugänglich machen“, erzählt Catia Monser. Lange Zeit habe sie vergeblich nach einer passenden Immobilie gesucht. „Meine größte Angst war, dass meine Nachkommen das alles womöglich wegwerfen, wenn ich mal nicht mehr bin.“

Schließlich fand Monser bei der Düsseldorfer Bürgermeisterin Klaudia Zepuntke ein offenes Ohr. Über sie gelangte die Idee schließlich an das Haus der Geschichte NRW. Deren zukünftiges Domizil, der Behrensbau am Mannesmannufer in Düsseldorf, wird zurzeit noch saniert. Nach Abschluss der Bauarbeiten erhält dort jedes Thema – also auch die „Sammlung Monser“ – einen eigenen Raum mit fester Ausstellung.

Die rund 150 Aktenordner und etwa 900 Bücher zum Thema Contergan, der Pharmaindustrie und zur Geschichte von Behinderungen ergeben für sich schon eine kleine Fach-Bibliothek. Etwa 100 Objekte wie Prothesen, Contergan-Originalverpackungen, Zeitungsartikel, Grünenthal-Werbemittel, Fotos bis hin zu amtlichen Dokumenten und Filmrequisiten lassen die Dimensionen des Skandals erahnen. Dokumentiert sind auch die schwerwiegenden medizinischen Folgen, der Verlauf des Strafverfahrens sowie die Arbeit von Opferverbänden.

„Anhand der Sammlung kann man exemplarisch auch meine eigene Lebensgeschichte nachverfolgen. Mir war wichtig, dass der Contergan-Skandal als Ganzes und als ein Teil unseres kollektiven Gedächtnisses nicht in Vergessenheit gerät.“ Das sei nicht nur für die Betroffenen wichtig, sondern auch für künftige Generationen, so die Stifterin.

 

Die Diplomarbeit war der Anfang

Wann hat Catia Monser mit dem Sammeln begonnen? „Es begann wohl im Zuge meiner Diplomarbeit in Sozialpädagogik“, erzählt sie. „Sie trug den Titel ‘Ein Unglück kommt selten allein‘. Durch die Recherchen kam immer mehr Material zusammen. Auch lernte ich dabei Zusammenhänge, die mir vorher nicht klar waren.“ Das Aufkommen des Internets hatte entscheidenden Anteil am Anwachsen der Informationen und Dokumente. „Es gab dadurch immer mehr Möglichkeiten zu recherchieren“, berichtet sie.

Zu den wertvollsten Sammlerstücken zählt – irgendwie paradoxerweise – das Mittel Contergan selbst. „Hier ist alles komplett“, berichtet Monser. „Ich habe jede Darreichungsform, inklusive der damaligen Grünenthal-Werbemittel.“ Von der kleinen, damals als harmloses „Zuckerplätzchen“ angepriesenen Tablette bis zum Saft. Die Größe – bzw. Kleinheit – der Original-Tablettenpackung findet die Sammlerin heute noch „unheimlich“. Monser: „So eine winzige, unscheinbare Tablette… kleiner als eine heutige Minze-Pastille. Und dennoch hat sie unzählige Leben zerstört.“

 

Conterganskandal soll nicht vergessen werden

Die Contergan-Sammlung ist offen für Erweiterungen. „Ich bin nicht die einzige Geschädigte, die alles mögliche gesammelt hat“, weiß Catia Monser. „Viele Eltern haben Zeitungsartikel, Tablettenpäckchen und anderes aufgehoben, die Kinder haben die Sachen behalten.“ Manches davon ist in ihre Sammlung gelangt. Allerdings sei das nicht allzu oft vorgekommen. Wer also weitere Erinnerungen und persönliche Dokumente rund um Contergan beisteuern möchte, ist dazu eingeladen.

„Die Sache darf niemals in Vergessenheit geraten“, findet Catia Monser. „Der heutigen Generation sagt das alles so gut wie gar nichts mehr. Wenn man sich dann mit der Sammlung befasst, lässt sich aber eine Menge lernen.“

Von daher freut sie sich, dass ihre Idee eines privaten Museums einen öffentlichen Platz gefunden hat. „Auch wenn es Schreckliches dokumentiert, es ist nun mal ein Teil von uns.“ Und damit ein Teil der deutschen Geschichte und auch des Bundeslandes NRW. Und eben das möchte Catia Monser für das kollektive Gedächtnis bewahrt wissen.

Auch für die Stiftung Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen hat die Sammlung einen herausragenden historischen Stellenwert. „Sie ermöglicht es, den Contergan-Skandal in seiner ganzen Komplexität darzustellen, mit all seinen medizinischen, juristischen, moralischen und menschlichen Facetten“, so Dr. Gabriele Uelsberg, Präsidiumsmitglied der Stiftung. Bis die Sammlung ihre endgültige Heimat findet, „wandert“ sie mit lediglich drei Exponaten als Teil von „MuseumMobil“ durch das Bundesland. 

 

„MuseumMobil“ als Interim

Die stark abgespeckte Ausstellung mit drei Exponaten ist als Teil von „MuseumMobil“ noch bis in den September in NRW unterwegs. Nach Aachen, Gelsenkirchen und Detmold folgte Mitte März Vreden. Danach ist die Ausstellung in Stift Quernheim / Herford (noch bis 7. Mai), Solingen (16. bis 25. Juni), Arnsberg (19. bis 30. Juli), Wesel (3. bis 13. August) und Mönchengladbach (8. bis 17. September) zu sehen.

Der Besuch des „MuseumMobil“ ist stufenlos gestaltet und mit Rollstühlen und Rollatoren möglich. Die Texte sind in Alltagssprache verfasst, und es gibt die Möglichkeit, die schriftlichen Inhalte über ein Tablet mit Screenreader-Funktion abzurufen.

Sie haben eigene Sammlerstücke zum Thema Contergan? Gerne können Sie diese bei Catia Monser abgeben. Nutzen Sie dazu oder für andere Fragen einfach das Kontaktformular, die Conterganstiftung stellt gerne den Kontakt her.

Foto: © Stiftung Haus der Geschichte NRW