Das Bild zeigt Bliss-Symbole, die zur Kommunikation dienen können.

„Manche Dinge kann und macht man einfach“

Nicht immer war es Kindern mit Conterganschädigung vergönnt, in einem kämpferischen Elternhaus aufzuwachsen und trotz aller Widrigkeiten unter guten Rahmenbedingungen zu leben, die ihrer Situation gerecht wurden. Manche von ihnen fielen durch sämtliche Raster. Sie brauchten dann Menschen, die sich für sie einsetzten. So wie bei Thomas.

 

Renate Zuhrt und Thomas G., ein Mensch mit Conterganschädigung, verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Seit über 50 Jahren besteht eine enge Verbindung, verbringen beide Zeit miteinander, verreisen gemeinsam. Trotz räumlicher Distanz und juristischer Querelen hat Renate Zuhrt vor über 30 Jahren die Vormundschaft für Thomas übernommen. Wir haben die pensionierte Krankengymnastin befragt: Wie kam es zu der Verbindung? Wie war das damals, wie ist es heute? Was hat sie bewogen, sich Thomas anzunehmen und was wünscht sie sich für seine Zukunft?

 

Eine Sache der Chemie

Kennengelernt haben sich die beiden in Hannover. „Das war im Annastift, einem orthopädischen Krankenhaus mit angegliederter Körperbehindertenschule und Internat“, erzählt Renate Zuhrt. Seit Mitte der 1960er Jahre arbeitete sie dort als Krankengymnastin und Bewegungstherapeutin. Der in Salzgitter geborene Thomas, ein kleiner Junge mit Conterganschädigung, war damals auf der Kinderstation des Krankenhauses untergebracht und lebte dort. Der gesamte Komplex des Annastifts blühte nun, nach der Zeit im Nationalsozialismus, wieder auf. In der Klinik kümmerte man sich so gut man konnte – und eben wusste – um Kinder mit körperlicher Beeinträchtigung und seltenen Erkrankungen. Darunter Muskelschwund, TBC, Poliomyelitis und sogenannte Spastiken. Vieles war neu.

Der damals sechsjährige Thomas war von seinen Eltern schon als Säugling abgegeben worden. Sie konnten mit dem kleinen Bündel und seinen durch Contergan bedingten Schädigungen nicht umgehen und machten ihn zu einem sogenannten Sozialwaisen. „Als Krankengymnastin und Bewegungstherapeutin sorgte ich dafür, dass sich die Kinder auch mal ohne ihre Schienen und Apparaturen austoben und körperlich erfahren konnten“, berichtet Zuhrt.

Hier war Thomas zunächst gar nicht dabei. Dennoch hat die Krankengymnastin ihn gelegentlich im Haus wahrgenommen. „Zum Leidwesen der Schwestern war er sehr unruhig, lief umher oder beobachtete die Menschen bei ihrem Tun. Etwa im Schwimmbad. Thomas war sehr eigensinnig und hatte seinen eigenen Kopf“, erinnert sie sich. „Irgendwann kam eine Heilpädagogin auf die Idee, ihn doch in meine Gruppe zu integrieren und bat mich, Thomas auch nachmittags per Einzelunterricht zu fördern, etwa Übungen wie Dreiradfahren oder Zielwerfen. So haben wir uns dann kennengelernt.“ Und irgendwie fanden die beiden immer mehr einen Draht zueinander. Die Chemie stimmte, irgendwas lag in der Luft.

 

Das Wort „Mutter“ ist ihm unbekannt

Die Bewegungstherapeutin spricht davon, dass sie schnell gespürt habe, dass hier ein sensibler Mensch heranwächst, zu dem man zwar schwer Zugang finden konnte, weil er in seiner eigenen Welt lebte, der aber offenbar Schwingungen zwischen Menschen wahrnehmen konnte, die anderen nicht auffielen oder bewusst waren. „Diese Fähigkeit hat er wohl durch seine Unfähigkeit zu hören und zu sprechen entwickelt.“ Die Taubstummheit war neben einer Gesichtslähmung und der Deformation der Gliedmaßen die schwerwiegendste von Thomas‘ Conterganschädigungen. „Gefühlsäußerungen durch Sprache sowie durch Mimik waren Thomas von Kind an unmöglich, ebenso wie Gestik. Das prägt natürlich, gerade als kleines Kind.“ Und dann kein Elternhaus, keine Geschwister, Verwandte oder Nachbarn. Nur Fremde, die sich von Berufswegen kümmerten. Freunde: Fehlanzeige. Auch das Wort Mutter war Thomas unbekannt, seine Bedeutung ihm völlig fremd. Motorisch, wenn es etwa ums Anziehen ging, habe er seine kurzen, verkümmerten Arme durch Geschick der Beine und Füße einigermaßen kompensiert. Bei der Verständigung haben die so genannten Bliss-Symbole geholfen, zurückgehend auf ihren Erfinder Charles K. Bliss, der ein System aus Symbol- und Wortkärtchen entwickelte, mit denen man sich verständigen konnte, wenn Sprache fehlte.

 

Vormundschaft mit Hindernissen

Mit 18 Jahren, also 1979, kam Thomas nach Winnenden, um dort in der rund 500 Kilometer von Hannover entfernten Werkstätte als Näher zu arbeiten. Die Entfernung sollte aber kein unüberwindbares Hindernis sein. „Ich hatte mich aber gefragt, was aus ihm wird, wenn er volljährig ist. Denn auf einmal wachten auch seine Eltern auf und wollten die Vormundschaft haben!“ Thomas‘ Familie hatte sich allerdings all die Jahre nach Abgabe des Kindes nicht gekümmert, ihn niemals besucht oder sich auch nur fernmündlich erkundigt. Zuhrt: „Die Contergan-Zahlungen an die Geschädigten und das Kindergeld hatten sie allerdings immer kassiert.“

Renate Zuhrt nahm alles zusammen, ihren Mut, ihre ethische Verantwortung und nicht zuletzt Gutachten und Aussagen von Betreuerinnen, Ärzten und Ärztinnen und dem Leiter des Taub-Blindenzentrums in Hannover, und beantragte ihrerseits die Vormundschaft für Thomas. „Die Familie war natürlich sauer auf mich, das ist klar“, erinnert sie sich. „Aber ich hatte alle juristischen Argumente auf meiner Seite.“ Von der Moral mal ganz abgesehen.

Bei der formalen Entmündigung im Zuge der Vormundschaft ging es auch gar nicht darum, dass Thomas dumm oder geistig behindert sei. „Es war vielen nicht klar, dass Thomas nicht dumm war! Im Gegenteil. Wer technisch zeichnen kann und Zusammenhänge klar begreift oder diffizile Näharbeiten ausführen kann, der hat was im Kopf!“, war sich Renate Zuhrt schon früh sicher. „Es war aber nun mal so, dass er sich verbal nicht ausdrücken konnte. Daher brauchte er leider einen Vormund.“ In anderen Zeiten und mit Unterstützung der Eltern, wie sie anderen Menschen mit Conterganschädigung glücklicherweise widerfahren ist, hätte auch Thomas viel mehr erreichen können. Aufgrund der Sprach- und Lesebehinderung konnte er beispielsweise nie dem Zeichnen als Beruf nachgehen. In Winnenden arbeitet er bis heute als Näher in der Werkstatt in dem Heim, in dem er lebt. Ein wenig Erleichterung bringen inzwischen neue Technologien wie entsprechende Computerprogramme.

 

Wie ist es heute?

„Wir leben ja nicht im selben Haushalt; haben wir auch nie“, erklärt Renate Zuhrt. „Wir verbringen nicht den Alltag miteinander. Ich bin der Urlaub, die Freizeit. Wir können uns alle sechs Wochen etwa sehen, seit ich nicht mehr arbeite. Thomas liebt Schwimmbäder, das Meer und Reisen. Wir sind früher oft verreist, er hat mich in Hannover besucht, ich ihn in Winnenden. Oft waren wir gemeinsam Kleidung einkaufen, da hatte er schon immer sehr eigene Vorstellungen.“ Ebenso haben die beiden Kururlaube für Thomas gemacht, die sein berufs- und conterganbedingtes Rückenleiden lindern sollten. Und im Grunde ist es noch heute so. Allerdings stellt sich Renate Zuhrt die Frage nach Thomas‘ Zukunft. Er wird nun 60, sie selbst ist Mitte 90.

Doch sie bleibt am Ball und ist realistisch: „Altersbedingt muss ich die Vormundschaft bald abgeben und ich hoffe, dass es da jemanden gibt, der sich für Thomas engagiert. Ich bleibe aber da und erledige weiterhin alles, soweit ich kann.“ Sie wünscht sich, dass Thomas im Heim weiterhin alles hat, was er braucht. Auch persönliche Unterstützung durch die Begleiter und Begleiterinnen. Und er möge arbeiten, solange er es schafft.

Warum musste es Thomas sein? Wie hat sie es hingekriegt, sich seiner anzunehmen? „Wie machst Du das“, fragten Freunde und Freundinnen immer wieder zwischen Bewunderung und Erstaunen. „Manche Dinge kann man halt oder macht man eben einfach“, ist dann ihre Antwort.

 

Renate Zuhrt hat die gesamte Geschichte von Thomas und sich 1990 in einer medizinischen Zeitschrift des Richard Pflaum Verlages veröffentlicht. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages, der Autorin und dem Nachfolge-Medium www.physiotherapeuten.de können Sie diese hier nachlesen.