Das Bild zeigt Werner Briese auf dem Minigolfplatz

Mit Präzision zum Spaß

„Fußball ist für mich ein Idiotensport!“ Bei dieser Aussage muss sich der Fußballfan und Autor dieser Zeilen erst mal setzen. Gesagt hat es Werner Briese aus Bochum, ein Ruhrpottler durch und durch und seines Zeichens Minigolf-Spezialist. Das Besondere: Werner Briese hat eine Conterganschädigung und ist mit nur einem stark verkürzten Arm geboren. Warum also ausgerechnet Minigolf? Wir haben ihn in Herne auf eine Partie getroffen – und mit Anstand verloren.

 

Laut Definition ist Miniaturgolf - ähnlich wie sein großer Bruder - eine Präzisionssportart. Es geht also nicht nur um das reine Vergnügen, sondern es stehen Technik und Leistung im Vordergrund. Man mag sich denken, dass sich Menschen mit Conterganschädigung eher an anderen Sportarten versuchen. Doch dem 60-jährigen Werner Briese hat es der kleine Ball angetan, den man mit einem Schläger auf 18 Bahnen mit möglichst wenigen Schlägen in die Löcher befördert. So sehr Werner Briese den Wettbewerb liebt, der Spaß bleibt für ihn das Wichtigste.

 

Vom Billard zum Minigolf

Die Anlage des Minigolfclubs des MGC Wanne e.V. in Herne liegt idyllisch, mit viel Grün im Umfeld, in einer bürgerlichen Wohngegend. Drei Minigolfgeläufe laden hier Gäste wie Vereinsmitglieder zum täglichen Kräftemessen ein. „Wir haben hier alle drei gängige Untergründe: Beton, Eternit und Filz“, erklärt Werner Briese. „Beton ist sicherlich allen am bekanntesten. Eternit ist ein harter Kunststoff und Filzbahnen findet man inzwischen auch immer öfter.“

Briese ist hier so bekannt wie ein bunter Hund. Das gilt nicht nur für die hiesige Anlage. „Kein Wunder, ohne Arme, ne?“, sagt er entwaffnend. Auch die Bildzeitung war schon da und hat ihn interviewt. „Gibt ja nicht so viele in Deutschland, die meinen, ausgerechnet ohne Arme spielen zu müssen“. Es wird einem schnell klar, dass man es mit einer echten Ruhrpott-Schnauze zu tun hat, die offen, ehrlich und direkt selten ein Blatt vor den Mund nimmt.

Auch seine Gegner und Gegenspieler attackiert er im Spaß, was auch der Autor schnell lernen muss. „Beim Minigolf lernte ich, wie man mit Anstand verliert“, fällt mir eine deutsche Liedzeile ein. „Konzentrier dich!“, sagt Briese immer wieder, wenn ich zu locker am Ball stehe und ein weiterer Fehlschlag droht.

Werner Briese erzählt, wie er überhaupt zum „Minigolf-Profi“ wurde. „Die Anlage hier kenne ich schon ewig. Ganz früher haben wir freitags immer unsere Autos abgestellt, sind in die Diskothek und haben dann, wenn wir die Autos wieder abgeholt haben, eine Runde Minigolf gespielt.“ Aber erst 2006, in diesem heißen Sommer damals habe er angefangen, regelmäßig zu spielen. „Davor gab es nur Billard. Wir haben drinnen gehockt und gespielt. Da war es zu heiß und irgendwie zu dunkel.“ So hat er in jenem Sommer Minigolf für sich entdeckt. Irgendwann ist er Mitglied geworden, schaffte sich einen angepassten Schläger an, übte, probierte, trainierte und spielte schließlich Turniere. Seit 2012, so erzählt er, sei er auch raus aus dem Beruf und habe seitdem noch mehr Zeit für seine Leidenschaft.

 

Hunderte Bälle – jeder anders

Immer dabei sind Schläger und Tasche. „Den Schläger hab‘ ich mir bisschen verlängern lassen“, erläutert Briese. „So kann ich besser schlagen, indem ich den Griff zwischen Armansatz, Kinn und Brust klemme.“ Denn auf den richtigen Schlag kommt es an. Bloß nicht streicheln, wie es viele Laien machen! Und: richtig hinstellen. Noch vielfältiger als die Untergründe der Geläufe sind die Bälle. Werner Briese besitzt weit über tausend Stück. Um die 200 trägt er in einer Tasche mit sich herum. Die anderen sind zuhause. Der Preis für einen professionellen Minigolfball liegt bei 18 Euro. Briese trägt so gesehen immer ein kleines Vermögen mit sich herum. Für sprichwörtlich alle Fälle.

„Als ich zum ersten Mal hier war, dachte ich, die sind alle bekloppt. Mit ihren vielen Bällen, dem ganzen Zubehör, Sprungmessgeräten und so Zeugs. Aber es ist nötig, wenn man es ernsthaft betreibt und Wettbewerbe spielt.“ Ich erfahre, dass jede Bahn ihre Tücken und Eigenheiten hat. Jeder Untergrund sowieso. Neben dem Schlag und der Bahn kommt es sehr auf das Gewicht, die Beschaffenheit und das Material des Balles an. Minigolfbälle sind daher aus hartem Kunststoff, Gummi oder auch aus Glas. „Jeder Ball macht was anderes, reagiert anders. Manchmal soll ein Ball viel machen, manchmal soll er das gerade nicht.“ Und selbst die Temperatur müsse bei den Bällen stimmen, betont er: „Wenn der Ball nicht warm genug ist, läuft er nicht richtig. Ist er wiederum zu warm, überläuft er, wie man dann sagt.“  

Die Regeln beim Minigolf sind international, die Bahnen genormt. Es gibt Ligen und Meisterschaften, offene wie geschlossene. „Letztes Jahr sollten hier die Weltmeisterschaften stattfinden“, sagt Briese. Wegen der Corona Pandemie wurden sie auf 2022 verschoben. Zwar nimmt er daran selbst nicht als Spieler teil, spielt aber trotzdem jeden Tag, an dem er auf der Club-Anlage ist, drei bis vier Runden. Trotz seiner Conterganschädigung ist Briese weitgehend mobil und kommt klar. „Ich muss mir natürlich auch helfen lassen. Und auswärts muss ich darauf achten, dass ich behindertengerechte Bedingungen habe. Das ist nicht überall der Fall.“

 

Besondere Grüße ins Rheinland

Neben dem Filzparcours ist ein kleiner Fußballplatz. Kinder schießen den Ball mit Karacho an den Zaun. Briese ist leicht entnervt. Noch immer kann ich kaum glauben, einen Mann aus dem Ruhrpott ohne Fußball-Affinität vor mir zu haben und hake nach. „Nun ja“, sagt Briese, „das ist klar, hier im Pott wächst du ja zwangsläufig damit auf. Und ich freue mich ja auch, dass der VfL Bochum jetzt aufgestiegen ist. Immerhin die richtigen Farben!“ Aber…? „Und erst mal gibt es ja nur einen wahren Verein hier, und das ist Schalke! Aber grundsätzlich finde ich das alles eher bescheuert. Der ganze Hype um den Profifußball nervt mich. Die Jungs sind völlig überbezahlt, viel zu reich und verwöhnt. Da ist viel zu viel Geld drin, viel zu aufgeblasen! Und die Deppen, die ins Stadion rennen, die unterstützen das alles noch! Ne, das ist nix für mich.“

Nachdem mich Werner Briese eine kleine Runde in seinem umgebauten VW T-Roc mitgenommen hat, gibt er noch einen mit ins Rheinland: „Und ihr Kölner lernt erst mal deutsch, dann wird das auch was mit dem Fußball“. Soso. „Und das nächste Mal spielen wir ‘ne Runde Billard!“ Das klingt wie eine Drohung.

Man muss Werner Briese einfach gernhaben.