Ein Besuch im Contergan Zentrum Aachen

Wer das Contergan Zentrum Aachen besucht, merkt schnell: Hier geht es nicht um einen Termin in einem großen Klinikapparat. Hier geht es um einen Ort, der auf die besonderen Bedarfe von Menschen mit Conterganschädigung ausgerichtet ist. 

Genau deshalb führte der Vorstand der Conterganstiftung seine Besichtigungsreihe in den multidisziplinären medizinischen Kompetenzzentren fort und machte sich Anfang März 2026 in Aachen ein Bild von der aktuellen Entwicklung vor Ort. Auf dem Programm standen Austausch, Rundgang durch das Zentrum und die Besichtigung spezialisierter Stationszimmer der Einrichtung auf dem Gelände der Uniklinik Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen.

Die Besichtigung war mehr als ein offizieller Termin. Für den Vorstand, vertreten durch den Vorsitzenden Dieter Hackler sowie Heinz-Günter Dickel, ging es um eine zentrale Frage: Wie kommt die Förderung durch die Conterganstiftung in der Versorgung an? 

In Aachen zeigte sich sehr konkret, was ein multidisziplinäres medizinisches Kompetenzzentrum leisten kann, wenn medizinisches Spezialwissen, gute Erreichbarkeit und ein klarer Blick auf den Alltag der Menschen zusammenkommen. 

Die Conterganstiftung fördert bundesweit zehn solcher Zentren, um spezialisierte Behandlungsmöglichkeiten in erreichbarer Nähe zu sichern. Für die Zentren steht ein jährliches Budget von bis zu 3,5 Millionen Euro zur Verfügung.

 

Was das Contergan Zentrum Aachen besonders macht

Das Contergan Zentrum Aachen, kurz CZA, ist eine interdisziplinäre Anlaufstelle für Erwachsene mit Conterganschädigung. Es ist an das Medizinische Zentrum für Erwachsene mit Behinderung der Uniklinik RWTH Aachen angebunden. 

Eine besondere Stärke des Standorts liegt darin, dass das Zentrum in eigenen Räumen außerhalb des eigentlichen Klinikgebäudes untergebracht ist. Für viele Menschen mit Conterganschädigung ist das ein wichtiger Unterschied. Sie können direkt vorfahren und das Zentrum ohne die Wege, Umstellungen und Belastungen eines großen Klinikgebäudes aufsuchen. Zugleich stehen die hochspezialisierten Fachbereiche der Uniklinik zur Verfügung.

Im Alltag bedeutet das: kurze Wege auf der einen Seite, medizinische Breite auf der anderen. Das CZA arbeitet eng mit mehreren Fachdisziplinen der Uniklinik zusammen, darunter Orthopädie, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Psychiatrie, Kardiologie, Dermatologie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. 

Hinzu kommen im Zentrum selbst Fachkompetenzen aus Neurologie, Psychiatrie, Orthopädie, Psychologie, Logopädie, Ergotherapie, Sozialarbeit und Physiotherapie. Der Schwerpunkt liegt auf einer ganzheitlichen Erfassung der Beschwerden, mit besonderer Aufmerksamkeit für neurologische Diagnostik, z. B. bei Schwindel, Nervenschmerzen, Bewegungsstörungen und autonomen Neuropathien.

 

Ein Besuch, der sichtbar machte, was Förderung vor Ort verändert

Beim Austausch in Aachen berichtete die geschäftsführende Oberärztin Dr. Andrea Maier ausführlich, welche Entwicklungen in den vergangenen zwölf Monaten umgesetzt wurden. Ein Schwerpunkt lag auf der weiteren Verbesserung der Barrierefreiheit. 

Der Empfangstresen wurde für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer optimiert und ist jetzt höhenverstellbar. Bei Bedarf lässt er sich absenken. Gespräche finden damit auf Augenhöhe statt. Auch die sanitären Einrichtungen wurden ergänzt und weiter verbessert. Die Eingangstür wird nun elektrisch betrieben und öffnet sich per Bewegungsmelder. Insgesamt wurde die Aufenthaltsqualität im Zentrum noch einmal spürbar erhöht. Diese Entwicklung passt zu dem Anspruch, medizinische Versorgung nicht nur fachlich richtig, sondern auch praktisch zugänglich zu gestalten.

Dr. Andrea Maier: „Barrierefreiheit beginnt nicht erst im Behandlungsraum. Sie beginnt an der Tür und am Empfang. Wenn Menschen mit Conterganschädigung ohne zusätzliche Hürden ankommen, schafft das Ruhe und ermöglicht eine andere Form von Versorgung.“

 

Wissen entsteht dort, wo Medizin und Erfahrung zusammenkommen

Dr. Andrea Maier und die Koordinatorin Mareike Prömpler berichteten beim Termin auch über regelmäßige Treffen mit Menschen mit Conterganschädigung sowie Interessenvertretungen. Das Format ist offen für Fragen aus dem Alltag, für Hinweise zu körperlichen oder psychischen Beschwerden und für den Austausch untereinander. 

Aus diesen Gesprächen ist in Aachen eine Broschürenreihe entstanden. Sie greift spezielle Themen rund um Contergan auf. Die Themen reichen von einem Überblick über Contergan und die Blutdruckmessung sowie die Blutabnahme bei Menschen mit Conterganschädigung bis zu den Bereichen Hals-Nasen-Ohren (HNO) und Orthopädie sowie psychosozialen Themen. Einige der Broschüren gibt es in zwei Fassungen, eine für Menschen mit Conterganschädigung und eine für Ärztinnen und Ärzte mit vertieften medizinischen Informationen. 

Dr. Andrea Maier:„Unser Ziel ist, medizinisches Wissen so aufzubereiten, dass es im Alltag nutzbar wird, für Menschen mit Conterganschädigung ebenso wie für behandelnde Ärztinnen und Ärzte. Gute Versorgung braucht beides, Fachlichkeit und Verständlichkeit.“

Damit beschreibt Aachen einen entscheidenden Punkt, der für alle multidisziplinären medizinischen Kompetenzzentren gilt: Sie behandeln nicht nur. Sie strukturieren Wissen. Und sie tragen dazu bei, dass dieses Wissen nicht an einem Ort bleibt, sondern in die Breite kommt.

 

Warum auch Hausärztinnen und Hausärzte von Kompetenzzentren profitieren

Viele Menschen mit Conterganschädigung werden im Alltag wohnortnah durch Hausarztpraxen betreut. Umso wichtiger ist es, dass dort bei speziellen Fragen schnell fachlicher Austausch möglich ist. In Aachen wurde dafür eigens eine direkte Telefonnummer für Ärztinnen und Ärzte eingerichtet. 

Im Jahr 2025 wurde zudem ein Newsletter der Kompetenzzentren für Vertrauensärztinnen und Vertrauensärzte vorbereitet. Künftig sollen diese zweimal pro Jahr aktuelle Fachinformationen aus den Zentren erhalten.

 

Der Rundgang durch das Zentrum: Ein Ort, der Versorgung konkret macht

Im zweiten Teil des Termins führten Dr. Andrea Maier und Mareike Prömpler durch das Zentrum. Gezeigt wurden Behandlungsräume, Aufenthaltsbereiche und der Empfang. Gerade bei solchen Rundgängen wird sichtbar, was Zahlen und Richtlinien allein nicht vermitteln: ob Räume Orientierung geben, ob Wege funktionieren, ob ein Ort Belastung verringert oder erhöht.

 

Einordnung durch den Vorstand der Conterganstiftung

Die Besuche des Vorstands in den Kompetenzzentren dienen ausdrücklich dazu, die Versorgungssituation besser zu verstehen und die Förderung weiterzuentwickeln. Der Besuch in Aachen fügt sich damit in eine Reihe von Vor-Ort-Terminen ein, mit denen nicht aus der Distanz, sondern auf Grundlage konkreter Eindrücke gearbeitet wird.

Für die medizinische Versorgung in den Kompetenzzentren gilt derselbe Grundgedanke: Verlässlichkeit entsteht durch klare Strukturen. Der Besuch in Aachen hat gezeigt, wie diese Strukturen konkret aussehen können. Es geht um medizinische Qualität, um gute Abläufe und um Rahmenbedingungen, die den Menschen mit Conterganschädigung in den Mittelpunkt stellen.

Dieter Hackler, Vorsitzender der Conterganstiftung: „Wir wollen wissen, wie unsere Förderung vor Ort wirkt. Aachen zeigt sehr anschaulich, dass Kompetenzzentren dann besonders stark sind, wenn spezialisiertes Wissen, gute Erreichbarkeit und ein offener Austausch mit Betroffenen zusammenkommen.“
 

 


Seit 2021 fördert die Conterganstiftung bundesweit zehn multidisziplinäre medizinische Kompetenzzentren. Ihr Ziel ist es, stabile Strukturen zu schaffen, um dem besonderen Versorgungsbedarf für Menschen mit Conterganschädigung gerecht zu werden. Die neue Förderrichtlinie, die ab 1. Juli 2026 in Kraft tritt, soll diese Arbeit weiter stärken. Geplant sind weniger Verwaltungsaufwand, attraktivere Förderbedingungen und mehrjährige Förderzusagen. Das verbessert die Planbarkeit für die Zentren und damit die Versorgung für die Menschen, die sie aufsuchen.